Die Lehre der Vorsehung muss, wie jede biblische Lehre, einen Gewinn für den Gläubigen haben. Wenn dem nicht so wäre, würde der christliche Glaube, den Calvin in der Institutio vorstellt, zu einer Denk- und Moralhülle erstarren.
Immer wieder gibt es Menschen, die gerade in dieser Lehre ihrer eigenen Neugier freien Lauf lassen und die innersten Geheimnisse Gottes erforschen möchten. Sie wollen sich nicht zufrieden geben, bevor sie keine Antwort auf den letzten Zweifel haben, den ihnen ihm Herz und im Kopf herumschwirrt. Andere wiederum treiben es noch ein wenig weiter. Sie begnügen sich nicht damit Gottes Plan zu erforschen, sondern beurteilen ihn nach ihren eigenen moralischen Vorstellungen. Sie wollen Gottes Wege ans Licht zerren und nach ihrer eigenen Gerechtigkeit richten. Wer so etwas tut, der erkennt weder sich selbst, noch den, den er hier vor sein eigenes Gericht zieht. Der Mensch kann nur in Bescheidenheit und Demut den Segen entdecken, der in der Lehre der Vorsehung liegt.
Die Bescheidenheit führt den Gläubigen dazu, dass er nicht gegen Gottes Plan murrt. Vielmehr sind Gottes Kinder dankbar dafür zu erkennen, dass in der stürmischen Zeit unserer Tage Gott der ewige Herrscher ist. Er kann nicht durch die Macht des Bösen plötzlich überwunden werden, wie irdische Regierungen gestürzt und abgelöst werden. Nein, Gottes Herrschaft bleibt. Wer das erkennt, wird Gott für alles Gute dankbar und in allem Leiden geduldig sein. «Es gibt keine kräftigere Arznei gegen Zorn und Ungeduld» als die Lehre der Vorsehung.
Allerdings will die Lehre der Vorsehung uns nicht zum Fatalismus führen. Wer sich einfach dem Schicksal (oder eben der Vorsehung Gottes) hingibt und sich selbst weder um Gefahr noch um sein Leben kümmert, der hat diese Lehre missverstanden. Calvin zeigt deutlich auf (wie das auch die reformierten Bekenntnisschriften tun), dass Gott seinen Plan durch ganz normal Dinge durchführt. Die Theologie nennt das Mittelursachen – Gott wirkt durch ein Mittel seine Vorsehung. Wenn wir nun wissen, dass ein Medikament uns vor dem Tod bewahren kann, dann ist es falsch, wenn wir es nicht nehmen, in der Meinung, dass wir eben in Gottes Hand sind. Die medizinische Kenntnis gehört zur Vorsehung dazu. Wir dürfen nicht einfach ein Teil unseres Wissens und unseres Lebens ausblenden.
Die Vorsehung ist ausserdem auch der Grund für die Hoffnung, dass unsere Gebete erhört werden. Nur ein Gott, der in Raum und Zeit eingreifen und seinen Plan ausführen kann, kann unsere Gebete nicht nur hören, sondern auch erhören und uns Hilfe verschaffen.
Der Segen der Lehre der Vorsehung ist also Hoffnung, Sicherheit und Gewissheit. Oder wie Calvin es schreibt (Inst. I 17,11):
Kurzum, ich will mich nicht länger damit aufhalten; man kann es leicht durchschauen, wenn man es betrachtet: das schlimmste Elend ist es, die Vorsehung nicht zu kennen, das höchste Glück aber, von ihr Kunde zu haben.